Spritzmittel der Firma Bayer unter Verdach (landbote.ch Dienstag, 21 Juli 2015)

Viele Winzer im Zürcher Weinland sind derzeit deprimiert:
Denn nach der Kirschessigfliege im letzten Jahr sorgt jetzt eine Wachstumsstörung für teils verheerende Schäden. Im Verdacht steht ein Spritzmittel der Firma Bayer.

Doch der Konzern winkt vorerst ab: Noch sei nichts bewiesen.«Es dürften Dutzende Rebbauern im Weinland von der aktuellen Wachstumsstörung betroffen sein», schätzt Theodor Strasser, Präsident des Weinbauvereins Zürcher Unterland. Er selber hat zwar keine Verluste zu beklagen, bekam aber in den vergangenen Tagen und Wochen von so manchen Kolleginnen und Kollegen traurige Situationsberichte geschildert. «Besonders betroffen sind die Winzer im Flaach- und im Stammertal», weiss Strasser.

Das Ausmass der Schäden sei derzeit aber noch nicht abschätzbar. Dafür sei es noch zu früh. Doch er teilt die Auffassung von Robin Haug, dem Geschäftsführer des Branchenverbands Deutschschweizer Wein, dass die Weinbauern mit einem Ausfall von 10 bis 100 Prozent rechnen müssen.

Spritzmittel unter Verdacht

Die Situation trifft die hiesigen Rebbauern mitten ins Mark – und ist zudem für viele verstörend. Zumal ein Pflanzenschutzmittel im Verdacht steht für die teils massiven Schäden an den Reben (deformierte Blätter und verdorrte kleine Beeren) verantwortlich zu sein. Es handelt sich dabei um «Moon Privilege», ein Mittel gegen Pilzbefall des deutschen Pharmaund Chemiekonzerns Bayer. Seit Anfang Juli empfiehlt die Firma den Schweizer Weinbauern, das Produkt vorsorglich nicht mehr zu verwenden.

«Ich frage mich ernsthaft, wie so etwas überhaupt passieren kann», empört sich Winzer Ruedi Frei aus Unterstammheim, der das besagte Mittel von Bayer verwendet hatte und an seinen Reben später Deformationen feststellen musste. «Und ich frage mich auch, wann wohl das nächste Pflanzenschutzmittel auf den Markt kommt, das uns wieder vor solch grosse Probleme stellen wird.» Wie gross der Ernteausfall tatsächlich sein wird, kann Frei noch nicht genau sagen. Letzte Woche sei aber ein von Bayer beauftragter unabhängiger Schadensexperte bei ihm gewesen, um die Schäden vor Ort abzuschätzen. Dabei habe sich zumindest gezeigt, dass diese von Traubensorte zu Traubensorte sehr stark variieren. So oder so weiss Frei aber, «dass ich mir persönlich nichts vorwerfen lassen muss, da ich das Spritzmittel von Bayer absolut vorschriftsgemäss eingesetzt habe ». Doch klar ist für den ZürcherWinzer auch: «Die Situation ist belastend und nimmt einem die Motivation für die künftigen Arbeiten in unseren Rebbergen.

»Wer zahlt Schadensersatz?

Ein anderer Winzer aus dem Weinland, der nicht namentlich genannt werden will, fragt sich vor allem, ob die Firma Bayer für die Schäden eines Tages tatsächlich aufkommen wird. Er habe da so seine Zweifel. Falls aber Bayer keine oder nur geringe Entschädigungszahlungen leisten sollte, würde der Konzern sich ins eigene Fleisch schneiden, ist der Winzer überzeugt. «Denn damit würde man uns Weinbauern automatisch in die Arme der Konkurrenz treiben. » Und das sei wohl kaum im Sinne von Bayer. Laut Bayer-Sprecherin Barbara Zimmermann dürften die unabhängigen Schadensexperten ihre Besuche bei den Zürcher Winzern Anfang August abgeschlossen haben. «Ein Bayer-Expertenteam untersucht unterdessen, durch welche chemischen und biologischen Mechanismen ‹Moon Privilege› möglicherweise an der Entstehung der abnormalen Wachstumssymptome beteiligt sein könnte.» Sie weist darauf hin, dass auch Wechselwirkungen mit anderen Faktoren den Wuchs der Trauben beeinflussen können. Dochübernimmt Bayer nun Verantwortung? Die Schuldfrage sei noch nicht abschliessend geklärt, sagt Zimmermann. «Darum ist es zum heutigen Zeitpunkt noch zu früh, um zu allfälligen künftigen Schadensersatzansprüchen Stellung zu nehmen.» Thomas Münzel«Ich frage mich, wann wohl das nächste Pflanzenschutzmittel auf den Markt kommt, das uns wieder vor solch grosse Probleme stellen wird.»

Ruedi Frei, Winzer, Unterstammheim

Pasted Graphic
(Bild Landbote)

Missbildungen im Rebberg:
Hat ein Spritzmittel von Bayer diese deformierten Beeren verursacht?

Marc Dahinden